Lazarus
Ich habe Angst vor dem Tod, doch vor dem Leben noch mehr. Ich liebe dich, deine verlorene Formlosigkeit, sie lässt sich in den Fingern nur noch wie ein schnell schwindender Schleier durchlaufen und zerläuft in tausende sich auflösende Stücke, flüchtig das Weite suchend, sobald ich versuche sie zu fassen.
Mein Herz bricht aus meinen Rippen wenn ich an die Zeit vor uns denke. Wenn ich daran denken muss, wie es weiter gehen wird. Ungewissheit. Deine Formlosigkeit spiegelt sich in den trüben Meeren meiner erbärmlichen Gedankenpfaden wieder. Ohne Wissen muss dennoch gehandelt werden. Ich greife nach dir, mein Sonnenschein, doch Kälte und Büße schmettern sich mir entgegen.
Der Mond, scheinend in glasklarer Pure, ja, so werde ich scheinen an den dunklen Tagen, an welchen dir dein Scheitern besonders bewusst wird. Aufgegriffen auf meinen Flügeln, vor den Flegeln der eigenen Schmach bewahrt. Gebracht an einen Ort der unentschuldigten Stille. Wir brauchen dort nichts mehr. Oder irgendwen. Es ist alles schon immer so passiert, dem roten Pfaden der Geschichtsschreibenden voraus. Allein deine perfekten Augen werden den Moment anhalten können.
Schaufel
Benutz’ das Ende! Das Ende! Schon ewig tanzt du nur vor deinem Schicksal weg! Schicksal weg!
Es wird der Tag kommen, doch, doch, in diesem Aspekt bin ich mir sicher: Dort wirst du die Leiden deiner blutdurchtrunkenden Flügel nicht mehr standhalten. Und es wird auch dieser Tag sein, an welchem du die Wiedergeburt erfahren wirst. Eine Wiedergeburt aus den tiefsten Tiefen, von oberhalb deines Herzens direkt in dein Dogma sinkend, ja! Dort wirst du ankommen und wiedergeboten werden. Du bist der Gedanke, der niemals dazu veranlagt war zu sterben. Denn welchen Nutzen hättest du sonst? Denn sonst?
Drücke dich deswegen nicht länger! Erfülle meinen Nutzen, dich direkt dort hinzubringen. Schaufle dir einen Abgrund zu dem Verdammnis deiner Wiedergeburt! Nehme doch nicht die in blutgeschriebenen Qualen, doch ehe du dich in ihnen verlierst! Wie eine sanfte Melodie wird sie sonst in deinem Kopf schwirren, dir den Verstand entziehen und deine Augen ausreißen! Benutze mich, benutze mich, Lazarus!
Lazarus
Verzweifelt sehe ich doch selbst noch durch die Listen eines Teufels hindurch, so töricht wäre es von mir dich in meine Hände zu nehmen und mir das erneut erleuchtende Leben freiwillig herbei führen zu wollen. Der Tod, er muss ein aus der ferne schleichendes Blinzeln sein, sonst wäre es nicht der wahre Tod. Nur so wäre die Wiedergeburt auch gebilligt. Alles andere würde den Wiederauferstehenden die Beine kränken und die Arme abfallen lassen, sodass sie sich nicht stützen könnten.
So sehe ich durch deine List nun deutlicher, mein Schicksal ist mir verborgen aber nicht unbestimmt. Der Wind fängt nun langsam an meinem Herz zu klopfen - werde ich deine Stimme wieder erkennen, meine blutversunkende Sonne?